Einfach mal 2 Medaillen abholen…

28. August 2019

…das war der Plan letztes Wochenende beim Ironman Vichy. Doch so einfach sollte es leider nicht werden. Denn Hitze und Kreislaufprobleme machten mir einen ordentlichen Strich durch die Rechnung. Aber erst mal ganz von vorne:

Nachdem ich ja bereits im Mai beim 70.3 in Aix-en-Provence am Start war, wollte ich auch die Langdistanz in Frankreich absolvieren, um so für die Tour Serie gewertet zu werden und noch eine weitere Medaille zu erhalten. Ich meldete mich also an und bemerkte beim Studium der Strecke gleich, daß es in Vichy einige Besonderheiten gibt:

  • der IM Vichy ist ein reines Agegrouper-Rennen
  • am Vortag findet auch ein 70.3 statt
  • für heuer war eine neue, nicht mehr so flache Radstrecke mit 1.650 Höhenmetern angekündigt

Und so ging es am Freitag Früh um 04:00 Uhr los in Richtung Frankreich, wo wir gegen 15:00 Uhr in unserer Unterkunft in Thiers ankamen. Nach kurzem Zimmercheck fuhren wir dann auch gleich nach Vichy, um die Registrierung durchzuführen und dann um 19:00 Uhr bereit zu sein für Pasta-Party und Race-Briefing. Da ja auch ein 70.3 statt fand, wurden alle Athleten am Freitag Abend gemeinsam gebrieft und verköstigt, was im riesigen Irondome eine prickelnde Stimmung für die über 4.000 Sportler bedeutete.

Am nächsten Tag hatten wir erst noch etwas Zeit, die Gegend zu erkunden, bevor wir uns dann fertig machten für den Bike-Check-In in der Wechselzone und eine schöne Portion Pasta in der Altstadt von Vichy.

Ich war eigentlich ganz ruhig und nicht sonderlich nervös, denn ich musste ja keine besondere Leistung erbringen oder irgendetwas beweisen, sondern einfach nur finishen und dann meine beiden Medaillen abholen. So schlief ich auch gut und war sehr erholt, als um 03:30 Uhr am Sonntag früh der Wecker klingelte. Mittlerweile habe ich ja auch schon etwas Routine in der Wettkampfvorbereitung, adjustierte mich, bereitete konzentriert meine Race-Verpflegung vor und nahm noch ein kleines Frühstück zu mir, bevor es um 05:00 Uhr dann in Richtung Vichy ging.

In Frankreich ist am Wettkampfmorgen nur erlaubt, das Rad zu kontrollieren (nicht die Wechselbeutel, denn diese mussten schon beim Check-In fix und fertig gepackt sein), sodaß ich relativ rasch fertig war und noch ein paar Yogaübungen in der Wartehalle machen konnte. 20 Minuten vor dem Start um 06:30 Uhr ging ich dann aber nach draußen, gab meinen Streetwear-Bag ab und schlüpfte in meinen Neo. Es war noch ziemlich frisch und dunkel draußen, nur die Lichter von der Altstadt Vichys leuchteten zu uns herüber aufs andere Flussufer. Der Lac d’Allier ist nämlich eigentlich gar kein See, sondern ein aufgestauter Fluss, in dem auch kein Aufwärmen bzw. Einschwimmen erlaubt war.

Pünktlich um 06:30 Uhr war es dann soweit: die Athleten mit Handicap starteten in ihren Ironman, kurz danach gefolgt von den ersten Agegroupern. Ca. 10 Minuten später war dann auch ich an der Reihe und sprang vom Steg in den See. Einen Kopfsprung traute ich mich – wie die meisten anderen – nicht zu machen, da ich dabei immer die Brille verliere… 😉

Und ab ging die Post! Zuerst eine kleine Querung über den Fluss zur Stadt hinüber, dann ca. 1,7 km das ganze Fluss-(oder See-?)ufer entlang bis zu einer Wendeboje und von dort natürlich auch wieder zurück. Obwohl ich das Gefühl hatte, ziemlich gerade zu schwimmen und mein Garmin mir das später auch bestätigte, wusste ich, daß mit den Massangaben etwas nicht so genau stimmen konnte, denn meine Uhr piepste immer schon deutlich früher als die jeweiligen 500m-Bojen vorbei kamen. Egal, das Gefühl war gut, auch wenn ich kaum einen passenden Wasserschatten gefunden hatte und ziemlich viel alleine schwimmen musste. Nach 1:14 Stunde und 3.935m auf meiner Uhr stieg ich jedenfalls aus dem Wasser, womit ich nicht ganz happy, aber trotzdem zufrieden war.

So – und jetzt auf’s Rad! Darauf freute ich mich am meisten, denn da hatte ich in den vergangenen Wochen auch die meisten Fortschritte gemacht. Ich schnappte mir also meine Rennmaschine, schob sie aus der Wechselzone und sprang hoch motiviert in den Sattel. Ich wusste, daß ich 20km zu fahren hatte, bevor ich auf einen Rundkurs kommen würde, der dreimal zu absolvieren und ca. 50km lang war. Die letzten 10km wären dann nur mehr flach ins Ziel zurück.

Es war windstill und noch ziemlich frisch, als ich die ersten Kilometer absolvierte, was sich aber schnell ändern sollte. Bereits am Beginn der 1. Runde kam ein langgezogener Hügel, der komplett in der Sonne lag und uns schon ankündigte, was uns heute wohl noch erwarten würde. Nach dem Anstieg ging es wellig dahin, was mich immer wieder dazu verleitete, aus dem Sattel zu gehen und die Wellen im Wiegetritt zu drücken. In Le Mayet-de-Montagne freute ich mich dann schon das 1. Mal sehr auf die Labestation und kühlte mich mit gleich 2 Flaschen Wasser über Hals und Rücken. Auf der 2. Runde wurde mein Hitzegefühl aber trotzdem immer größer, weshalb ich begann, das Visier meines Aerohelms immer wieder abzunehmen und in den Mund zu stecken, um dadurch meinen Kopf und das Gesicht besser mit Wasser kühlen zu können. Iso, Gels und Salzriegel hatte ich noch ausreichend, nur das Wasser zur Kühlung vermisste ich schmerzlich. Auf der dritten Runde leerte ich meine Isoflasche dann in den Gel-Tank, um noch eine zusätzliche Wasserflasche am Rad aufnehmen zu können, doch zu diesem Zeitpunkt dürfte ich schon so überhitzt gewesen sein, daß der Effekt des Wassers immer nur kurz anhielt. Noch dazu war ich davon ausgegangen, am Ende der dritten Runde noch einmal zu einer Labe zu kommen, um Wasser aufnehmen zu können. Das war aber nicht mehr der Fall, da wir kurz vor der Labe wieder in Richtung Vichy abbogen. Und von wegen flach ins Ziel! Gefühlt gab es noch zig Anstiege, die kurz, aber alle mehr oder weniger böse waren und mich fast zur Verzweiflung brachten.

Ich war so etwas von platt, daß ich nicht einmal mit meinen besten Motivationstaktiken mehr etwas Hoffnung aufkommen lassen konnte. Normalerweise zaubert mir der Gedanke an die schönen Ironman-Medaillen immer sofort ein Lächeln ins Gesicht, aber diesmal war mir die Finisher-Medaille komplett egal. Ich wollte nur noch in den Schatten und meinen Kopf in eine Eis-Wanne legen. Mit letzter Kraft schleppte ich mich so in die Wechselzone, wo Clemens schon auf mich wartete. Er rief mir zu, daß ich trotz meiner grottenschlechten Zeit immer noch auf Platz 7 meiner Altersklasse lag (die anderen dürften also auch ziemlich gelitten haben), aber für mich stand trotzdem fest, daß ich keinen Marathon mehr laufen werde. Ich konnte ja nicht mal mehr in die Wechselzone laufen…

In der Situation war die Entscheidung gar nicht schwer, denn mein Gefühl sagte mir, ich hätte den Marathon wohl nur mehr gehen können (und wer weiß, ob überhaupt das funktioniert hätte…). Doch danach, als ich im Zielbereich im Schatten von Bäumen lag und mich langsam wieder erholte, begannen die endlosen Kämpfe mit mir selbst. Hätte ich es nicht vielleicht doch probieren sollen? Habe ich meine 2 schönen Medaillen zu leichtfertig aufgegeben? Hätte ich mich vielleicht wieder erholt?

Naja, es war nun schon, wie es war. Und ich glaube, es war gut so. Wer weiß, ob ich sonst überhaupt gesund im Ziel angekommen wäre. Ich bin ja kein Profi, der davon leben muss, sondern möchte in den nächsten Jahren noch viele Ironman bestreiten, die dann hoffentlich anders enden. Vielleicht war diese Erfahrung auch wichtig, denn ich bin ja immer davon ausgegangen, den stursten Kopf auf Erden zu haben und jedes noch so große Problem lösen zu können. Dieses Mal war es anders. Ich war nur noch Passagier meiner Gedanken und konnte mich nicht mehr überlisten. Und Gott-sei-Dank hat mein Innerstes wohl die richtige Entscheidung getroffen: mein 1. DNF, das zwar unglaublich weh tut, aus dem ich aber auch viel lernen kann.

Ich hatte nun ja auch schon etwas Zeit, Ursachenforschung zu betreiben, doch ganz auf einen grünen Zweig bin ich noch nicht gekommen. Wahrscheinlich war es eine Verkettung vieler Umstände, die mich umgehauen haben:

  • die Temperaturschwankungen von 9 – 35° Grad
  • wenige Labestationen, die ich anfangs auch nicht nutzte, weil mir noch kalt war und ich genügend Verpflegung mit hatte
  • eine zu ungenaue Beschäftigung mit der Strecke (Labestationen, Höhenmeter,…)
  • mein Garmin Edge zeigte mir über 2.100 Höhenmeter an (Ausschreibung: 1.650!)
  • geschlossener Aerohelm, der die Hitze kaum entweichen ließ
  • wahrscheinlich auch einfach ein schlechter Tag von mir…

Ein Ironman-Rennen zu locker anzugehen, in der Erwartung, daß eigentlich eh nichts passieren kann, war halt wohl auch zu eingebildet und hat mich wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht. Beim nächsten Mal werde ich meine Hausaufgaben wieder penibel erledigen und nichts dem Zufall überlassen. Es dauert zwar noch ein bisschen, aber der IM Thun 2020 wird mich hoffentlich dafür entschädigen! 🙂

Bis bald und passt auf euch auf,

Eure Angelika.

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