IM 70.3 Pays d’Aix – Beauty AND Beast

13. Mai 2019

Das ist die Geschichte von einem Rennen, das ein ganz besonderes für mich hätte werden sollen – und es schließlich auch wurde, nur aus anderen Gründen als ursprünglich geplant…

Mein Plan war, in Aix-en-Provence einen Slot zu holen für die Ironman-70.3-Weltmeisterschaft in Nizza, denn in Aix gab es nicht nur die übliche Anzahl an Startplätzen zu vergeben, sondern über die Women-for-Tri-Foundation zusätzliche 25 Slots nur für Frauen! Für meine Agegroup bedeutete das also, daß nicht nur 1 Frau, sondern gleich 4 die Chance auf eine Teilnahme an der WM bekamen. Ich wußte, daß ich es drauf hatte, in den Top-10 zu landen, und bei einem grandiosen Halbmarathon sogar die Top-5 zu erreichen. Ein Slot war also nicht ganz unmöglich…

Wir reisten also letzten Freitag bei herrlichstem Wetter in die Provence und verliebten uns sofort in die reizende Altstadt von Aix. Hunderte kleine Boutiquen wechselten sich ab mit coolen Bars und Cafés, und auf den zahlreichen romantischen Plätzen versprühte die Stadt ihren südfranzösischen Charme.

Schon am Samstag Vormittag war dann das Race-Briefing angesagt, das mir erstmals ein etwas mulmiges Gefühl bescherte. Die Veranstalter gaben nämlich bekannt, daß der See bei Peyrolles, in dem wir zu schwimmen hatten, gerade einmal 15,8 Grad Wassertemperatur hatte. Außerdem war heftiger Mistral angesagt, weshalb die Verantwortlichen von hohen Aero-Felgen abrieten. Leider hatte ich keine anderen Felgen mit dabei, so blieb mir also nichts übrig, als abzuwarten, ob der Wind tatsächlich so schlimm sein würde…

Um mich etwas zu beruhigen, erklärte sich Clemens dankenswerterweise bereit, mich mit dem Auto zum Einchecken des Rades am etwas außerhalb von Aix gelegenen See zu begleiten, um danach die Radstrecke einmal abfahren zu können.

Gesagt – getan. Nach erledigtem Bike-Check-In und kurzer Besichtigung der Schwimmstrecke machten wir uns also auf den Weg, die Radstrecke zurück nach Aix abzufahren. Der Wind war schon an diesem Tag gar nicht ohne, doch beeindruckte uns die wunderbare hügelige Landschaft noch viel mehr. Insgesamt waren 3 größere Berge zu bezwingen, wobei mich an diesem Tag die Downhills deutlich mehr beschäftigten als die teilweise steilen Rampen bergauf. Vom Mountainbiken war ich schwierige Downhills zwar gewohnt, doch die zahlreichen Spitzkehren, die vor allem nach dem 2. Berg am Weg ins Tal auf uns warteten, machten mir ziemliches Kopfzerbrechen (vor allem, da ich ja immer noch meinen Reifenplatzer von Zell am See 2017 nicht ganz verarbeitet hatte).

Puh – mein Respekt am Vorabend des Rennens war riesengroß! Plötzlich war nicht mehr ein ambitionierter (und daher sicher anstrengender) Halbmarathon im Fokus, sondern das kalte Schwimmen und vor allem die schwierigen Downhills am Rad. Der Halbmarathon kam mir im Vergleich fast schon lächerlich einfach vor, und ich muss zugeben, es hatte sich – auch aufgrund der Wind-Thematik – tatsächlich ein bisschen Angst breit gemacht.

Gott-sei-Dank konnte ich diese Gedanken immer wieder beiseite schieben und mir vorsagen, ich würde einfach eine Disziplin nach der anderen so konzentriert wie möglich abarbeiten. Falls Probleme entstünden, würde ich mich ihnen stellen, wenn sie da sind. Mir im Vorfeld schon Sorgen zu machen, das wollte ich so weit wie möglich von mir weg bringen.

Also – RACEDAY! Am Sonntag früh morgens war es dann soweit! Clemens brachte mich um 05:30 Uhr zum Shuttle von Aix nach Peyrolles, das leider nur Athleten vorbehalten war. Allerdings hätte er als Begleiter auch nicht sehr viel von meinem Schwimmen mitbekommen, und schon gar nicht vom Radfahren, und so blieb er in Aix und wartete dort, bis ich in den abschließenden Halbmarathon starten würde.

Gleich beim Aussteigen aus dem Bus bemerkte ich meinen 1. Faux-Pas: ich hatte vor lauter Aufregung meinen Zeitnehmungschip im Hotel vergessen! OMG! Eine Tatsache, die ich nie für möglich gehalten hätte, daß sie mir einmal passieren würde! Doch Gott-sei-Dank war das Organisieren eines neuen kein großes Thema und mein kurzfristiges Herzrasen beruhigte sich wieder…

Dann wurde ich das 2. Mal stutzig: mein Hinterreifen hatte Luft verloren, und ich musste ihn wieder aufpumpen. Normalerweise passiert das bei solch kühlen Temperaturen nie… Ich hatte zwar einen Reifenschaden bei meiner letzten Ausfahrt vor der Abreise, doch beim Service in meiner Werkstätte war mir versichert worden, daß der Mantel o.k. wäre und nur das Ventil getauscht werden musste. Und darauf hatte ich mich verlassen. Ein großer Fehler, wie sich später noch heraus stellen sollte…

Um kurz nach 7 Uhr kam dann endlich die Sonne über den See und gab uns zumindest das Gefühl, uns etwas zu wärmen. Die Außentemperatur war zwar nicht sooo kalt (ich schätze mal ca. 10-12 Grad, wie im Frühjahr halt üblich), doch der Wind machte das Warten auf den Start doch ziemlich ungemütlich. Ich wärmte also viel und lange auf und schlüpfte relativ bald in meinen Neo, um es wärmer zu haben. Richtig kalt wurde es dann nochmal, als wir unseren Streetwear-Bag mit den Schuhen abgeben mussten, denn auf dem kalten Schotter vor dem See zu stehen, machte meine Füße zu Eisblöcken. Als ich dann endlich beim Rolling-Start kurz vor 8 Uhr an der Reihe war, ins Wasser zu dürfen, kam es mir (zumindest im Vergleich zum Schotter) gar nicht so kalt vor.

Hoch motiviert stürzte ich mich in die Wellen und freute mich, als es richtig schnell zur Sache ging. Ich hatte eine super Startgruppe erwischt und fand immer jemanden, an den ich mich in den Wasserschatten hängen konnte. Es kam mir fast unnatürlich schnell vor, wie wir uns fort bewegten, bis ich dann bei der Wende merkte, was der Grund dafür war: bis jetzt hatten wir Rückenwind und somit auch die Wellen in unsere Richtung! Doch jetzt begann der eigentliche Kampf – gegen den Wind! Die Wellen waren zwar nicht sehr hoch, aber so unregelmäßig und kurz, daß ich – vor allem wenn ich nach rechts atmete – immer wieder Wasser schluckte. Zweimal musste ich kurz stehen bleiben, da ich mich arg verschluckte und fast keine Luft mehr bekam.

Das hätte ich mir schon mal leichter vorgestellt… Allerdings war ich trotz der mäßigen Schwimmzeit auch happy, denn zumindest war die Wassertemperatur mit 16 Grad kein Problem geworden!

So – und jetzt ab auf’s Rad! Ich fühlte mich sofort super wohl, hatte starke Beine und konnte dem böigen Mistral relativ gut die Stirn bieten. Ich war hoch motiviert, die Berge gut zu meistern und auch die Abfahrten safe hinter mich zu bringen, bis es bei km 9….

……..pfffffff…… machte!

Sch….. Ich wusste sofort was los war. Ein kurzer Blick nach hinten, und das Hinterrad war platt. So ein Mist!!!! Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf: absteigen, Reifen wechseln, Mantel kontrollieren, tatsächlich ein eingefahrenes Metallteil entfernen, konzentriert bleiben, dann doch Panik, ein paar Tränen, Wut, Zorn, hätte ich doch nur selber noch zuhause den Mantel kontrolliert… Einfach F…!!! Soll ich jetzt aufgeben? Der Slot war jedenfalls schon mal weg…

Doch wer mich kennt, weiß, daß ich nicht gerne aufgebe (außer es wäre aus gesundheitlichen Gründen notwendig). Dafür ist mir die Finisher-Medaille zu wichtig. Mein großer Traum, ein Slot für die WM, war zwar gemeinsam mit meinem Reifen geplatzt, aber ich konnte ja immer noch ein tolles Rennen absolvieren. Mit jedem Zuruf der netten französischen Athleten „courage!“ fasste ich wieder mehr Mut und bschloss, das Rennen in jedem Fall zu beenden, komme, was da wolle. Plötzlich waren die schwierigen Downhills wieder Nebensache, ich wollte nur noch ins Ziel kommen.

Das Bild stammt noch von der Streckenbesichtigung…

Jetzt war mein Ehrgeiz erst so richtig angestachelt: ich konnte meine Wut in Energie umwandeln und brachte den ersten Berg gleich ziemlich easy hinter mich. Der Mistral wurde zwar immer heftiger, je höher wir nach oben kamen, doch hatte er auch sein gutes: den Downhill hinunter vom 2. Berg, vor dem ich mich aufgrund der vielen Spitzkehren so gefürchtet hatte, konnte ich aufgrund des Gegenwindes fast ohne Bremsen fahren. Ich musste mich nur enorm vor den Böen in Acht nehmen, die nach jeder Kurve zu erwarten waren und die einige Kollegen in den Straßengraben gedrückt hatten. Richtig brutal wurde es dann allerdings in der Ebene: ich musste oft 200 Watt drücken, um gerade einmal 22-25 km/h fahren zu können. Zweimal versetzte es mich beim Überholen so stark nach rechts, daß ich Glück hatte, meine Mitstreiter nicht touchiert zu haben. Und vom dritten Berg hinunter gab es vor mir eine kleine Massenpanik von drei Frauen, die aufgrund der starken Böen alle zu kreischen begannen. Echt verrückt…

Ich weiß bis jetzt nicht warum, aber ich konnte trotz dieser extremen Bedingungen relativ gut die Ruhe bewahren und wurde mir immer sicherer, es gut ins Ziel zu schaffen. Ich sagte mir immer wieder: sometimes you win, sometimes you learn! Und gelernt habe ich bei diesem Wettkampf definitiv wieder viel…!

Doch es war noch nicht vorbei! Ich wollte ja noch zeigen, daß ich auch trotz dieser Misere einen halbwegs anständigen Halbmarathon laufen konnte. Ehrlich gesagt, war es zwar schon sehr schwer, die Motivation hoch zu halten, da ja nichts mehr zu holen war und es „nur“ noch um ein Finish ging. Aber schlussendlich wollte ich mir auch selber beweisen, was möglich gewesen wäre. Auf einer sehr kupierten, aber ebenfalls wunderschönen Strecke mit über 200 Höhenmetern konnte ich so eine Zeit von 1:52 Stunde laufen, was mich trotz der Tatsache, daß mein Garmin keinen vollen Halbmarathon anzeigte und die Strecke etwas kürzer war, sehr stolz machte.

Das schönste von allem war dann allerdings – neben meiner Finisher-Medaille natürlich – der Kuss von Clemens im Ziel, der ebenfalls sehr froh war, daß ich wohlbehalten und gesund wieder in Aix angekommen war. Ich war zwar nur 15. in meiner Altersklasse geworden und habe keinen Slot gewonnen, doch für meine weitere sportliche Zukunft war dieses Rennen ein großer Gewinn! Ich weiß wieder, daß ich, wenn ich Großes erreichen möchte, auch jedes noch so kleine Detail selber überprüfen und in die Hand nehmen muss, daß ich mich auf meinen starken Willen, ins Ziel kommen zu wollen, immer verlassen kann, und daß äußere Bedingungen noch so schwer sein können – gerade mein starker Wille scheint es mir möglich zu machen, mit Schwierigkeiten oft besser zurecht zu kommen als andere.

In diesem Sinne kann ich nur resümieren: Aix ist eine wunderschöne Stadt mit traumhafter Umgebung, und der Ironman 70.3 hier war eine der schwersten Mitteldistanzen, die ich je gemacht habe, doch gerade deswegen war es sicher nicht das letzte Mal, daß ich hier teilgenommen habe!

P.S.: Meine kleine Genugtuung:

wenn ich keine Panne gehabt hätte, wäre ich wohl 7. oder 8. in meiner AK geworden, was ebenfalls nicht für einen Slot gereicht hätte. Die Enttäuschung wäre dadurch sicher größer gewesen… Kompliment daher an meine Konkurrentinnen, die alle sehr stark waren!

Und bis zum nächsten Mal, wenn ich meinen nächsten Anlauf zur Erreichung eines Slots versuchen werde….! 🙂

2 Kommentare

  1. René sagt:

    Hi Angelika!
    Immer wieder schön Deine Berichte zu lesen und HUT AB aus Tirol für Deine bewundernswerte Einstellung!!!
    René

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